Gordons Sonnenuhr – Entwicklung und Würdigung
Einleitung
Die Sonne stellt sich nicht um.
Gordons Sonnenuhr ist keine gewöhnliche Uhren-App, die lediglich ein anderes Ziffernblatt über dieselbe digitale Uhrzeit legt. Das Projekt versucht etwas Grundsätzlicheres: Es bringt die gesetzliche Uhrzeit, den wirklichen Sonnenlauf und den sichtbaren Himmel wieder in ein gemeinsames Bild.
Die Uhr zeigt weiterhin die offizielle Zeit der gewählten Zeitzone. Sie geht also nicht „anders“ als ein Telefon, ein Rechner oder eine gewöhnliche Wanduhr. Anders ist vielmehr die Geometrie des Ziffernblattes. Dieses wird für jeden Tag und jeden Standort neu berechnet. Die Stundenmarken liegen dort, wo sich die Sonne zu den betreffenden gesetzlichen Uhrzeiten tatsächlich befindet. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Sonnenhöhe, Himmelsrichtung, Jahreszeit und Standort wirken deshalb unmittelbar auf die Darstellung ein.
Damit wird ein Widerspruch sichtbar, den gewöhnliche Uhren verdecken: Zwölf Uhr ist zwar gesetzlich zwölf Uhr, aber nur selten zugleich der wirkliche Sonnenhöchststand am eigenen Ort. Zeitzonen, geographische Lage und Sommerzeit verschieben die offizielle Uhr gegenüber dem örtlichen Sonnenlauf. Gordons Sonnenuhr beseitigt diese Abweichung nicht, sondern macht sie lesbar. Die Uhr verbindet beide Systeme, statt eines gegen das andere auszuspielen.
Der Kern des Projektes läßt sich deshalb tatsächlich sehr knapp zusammenfassen:
Wenn Uhren wieder Sinn machen.
Etwas ausführlicher lautet die Aussage: Zeit soll nicht nur als fortlaufende Zahl erscheinen, sondern wieder als Zusammenhang zwischen Ort, Licht, Himmel und Tageslauf erfahrbar werden.
1. Der Ausgangspunkt: die Unzufriedenheit mit der gewöhnlichen Uhr
Die Entwicklung begann nicht mit einer technischen Plattform, sondern mit einer Beobachtung: Die normale Uhrzeit ist ein gesellschaftlich notwendiges Koordinatensystem, aber sie hat sich weit vom unmittelbar erlebbaren Tageslauf entfernt.
Eine feststehende Zwölf am oberen Rand eines Ziffernblattes suggeriert, daß zwölf Uhr überall und an jedem Tag der Mittelpunkt des Tages sei. In Wirklichkeit hängt der Sonnenhöchststand vom Längengrad, von der Zeitzone, von der Jahreszeit und von der jeweils geltenden gesetzlichen Zeit ab. Die jährliche Zeitumstellung verschiebt die Stundenmarken zusätzlich um eine ganze Stunde, obwohl sich am Lauf der Sonne selbstverständlich nichts sprunghaft ändert.
Gordons Sonnenuhr geht von der Frage aus, wie eine Uhr aussehen müßte, die diese Wirklichkeit nicht verdeckt. Die Antwort ist ein bewegliches, täglich neu berechnetes Ziffernblatt. Nicht die Sonne wird in ein starres Uhrenschema gezwungen; die Stunden werden auf die tatsächliche Sonnenbahn gelegt.
Dadurch entstehen zwei gleichzeitig lesbare Ebenen:
- Die gesetzliche Zeit: Die Zahlen auf dem Ziffernblatt und die optionale Digitalanzeige entsprechen der offiziellen Uhrzeit.
- Die natürliche Geometrie: Die Lage der Zahlen, die Bahn der Sonne und die Stellung zum Horizont zeigen, wie diese Zeit am konkreten Ort in den wirklichen Tageslauf fällt.
Diese Verbindung ist der entscheidende konzeptionelle Unterschied zu einer herkömmlichen Sonnenuhr. Eine klassische Sonnenuhr zeigt Ortszeit aus dem Schattenwurf. Gordons Sonnenuhr zeigt die gesetzliche Zeit, ordnet sie aber in die reale Sonnengeometrie ein. Ebenso ist sie mehr als eine astronomische Himmelskarte, denn die Darstellung dient zugleich als Uhr.
2. Mechanische Vorgeschichte: 2011 bis 2019
Die dokumentierte Entwicklungslinie reicht mindestens bis 2011 zurück. Die ersten Vorläufer waren rein mechanische 24-Stunden-Uhren mit einem einzigen Zeiger. Sie entstanden also noch vor jeder Softwarefassung.
Bereits diese mechanischen Modelle enthielten das wesentliche Motiv des späteren Projektes: Der Tag sollte als vollständiger Umlauf sichtbar werden, nicht als zweimalige Wiederholung eines Zwölf-Stunden-Kreises. Ein einzelner Zeiger genügte, weil nicht die sekundengenaue Taktung im Vordergrund stand, sondern die Stellung innerhalb des Tages.
Hinzu kam ein monatsabhängiges Ziffernblatt, auf dem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ungefähr ablesbar waren. Die mechanische Uhr konnte den saisonalen Wandel jedoch nur begrenzt darstellen. Sie arbeitete mit vorbereiteten Skalen und mußte auf allgemeine Näherungen zurückgreifen. Standortabhängige Berechnungen, die tatsächliche Sonnenhöhe, der Mond und die Sterne waren in dieser Form nicht sinnvoll integrierbar.
Trotzdem war diese Phase mehr als eine Vorstufe. Sie legte die gestalterische Grammatik fest:
- ein vollständiger 24-Stunden-Tag,
- ein einziger Zeiger,
- die Sonne als Bezugspunkt,
- ein jahreszeitlich veränderliches Ziffernblatt,
- die Uhr als ruhiges Wandobjekt statt als hektisches Meßinstrument.
Die spätere Software hat diese Grundidee nicht ersetzt. Sie hat sie präzisiert und von den mechanischen Beschränkungen befreit.
3. Die E-Paper-Uhren: 2019 bis 2025
Ab 2019 wurde das Konzept erstmals digital verwirklicht. Die erste digitale Fassung lief auf einem Raspberry Pi Zero W mit einem kleinen E-Paper-Display. Später folgte eine größere Wanduhr mit einem Raspberry Pi 3A+ und einem zehn Zoll großen E-Paper-Bildschirm mit sechzehn Graustufen, eingebaut in einen Bilderrahmen.
Der Wechsel zu E-Paper war für das Projekt naheliegend. Ein solches Display wirkt eher wie bedrucktes Papier als wie ein leuchtender Rechnerbildschirm. Es bleibt ruhig, benötigt bei unverändertem Bild kaum Energie und eignet sich gut für eine Wanduhr, die dauerhaft im Raum hängt.
Mit der digitalen Berechnung wurde nun möglich, was mechanisch kaum zu bewältigen war:
- Sonnenaufgang und Sonnenuntergang konnten für konkrete Koordinaten berechnet werden.
- Der Sonnenhöchststand ließ sich orts- und datumsspezifisch darstellen.
- Die tägliche Bahn der Sonne konnte unmittelbar als Ziffernblatt dienen.
- Mond, Planeten und Sterne konnten in dieselbe Projektion aufgenommen werden.
- Das Bild konnte sich täglich oder bei Bedarf vollständig neu aufbauen.
Diese Phase war die eigentliche Machbarkeitsstudie für das heutige System. Hier entstand die Verbindung aus astronomischer Berechnung und einer ruhigen, bildhaften Wanduhr. Auch das ursprüngliche Graustufen-Design der späteren Android-Anwendung geht auf diese E-Paper-Herkunft zurück.
Die Uhr wurde dadurch zu einem Instrument zwischen mehreren Kategorien. Sie war weder bloß Dekoration noch klassische Astronomie-Software. Sie zeigte reale Himmelsverhältnisse, blieb aber zugleich im Alltag als Uhr lesbar.
4. Der Schritt zur Android-Anwendung
4.1 Aufbau der mobilen Fassung
Im Mai 2025 begann die Umsetzung als Android-Anwendung. Innerhalb kurzer Zeit entstanden das Anwendungsgerüst, die Ziffernblattseite, die Einstellungsseiten, eine Digitalanzeige und die ersten astronomischen Objekte.
Die geschlossene Testfassung vom 1. Juni 2025 enthielt bereits die wesentlichen Bausteine:
- Sonne und Mond,
- mehrere Planeten,
- helle Sterne,
- Sonnen- und Mondbahnen,
- Horizont und Höhenlinien,
- Stundenmarkierungen,
- das ursprüngliche Graustufen-Design.
Am 24. Juni 2025 erschien die erste öffentliche Android-Fassung. Damit wurde aus einer privaten Wanduhr ein allgemein nutzbares Programm. Die erste Version unterstützte Deutsch, Englisch und Spanisch. Sie war noch deutlich schlichter als die heutige Anwendung, aber das Grundmodell war bereits vollständig erkennbar.
4.2 Teleskop-Design, Sprachen und sichtbarer Himmel
Nur wenige Tage später kam das Teleskop-Design hinzu. Während das Graustufen-Design die Herkunft aus der E-Paper-Uhr bewahrte, stellte das Teleskop-Design Sonne, Mond und Planeten mit bildhaften, farbigen Darstellungen dar.
Es folgten Französisch und Chinesisch, später Russisch. Die Mehrsprachigkeit war dabei nicht nur eine zusätzliche Oberfläche. Das Projekt mußte Datumsformate, Abkürzungen, Zeilenumbrüche, Sonderzeichen, unterschiedliche Schriftbreiten und sprachabhängige Erklärungen berücksichtigen. Die Sprachdateien entwickelten sich zu einem eigenen, versionierten Bestandteil des Systems.
Parallel wurde die astronomische Darstellung erweitert. Merkur kam hinzu, Planetengrößen und Helligkeiten wurden angepaßt, der Mond erhielt eine realistischere Schattierung, und die Blickrichtung konnte automatisch oder manuell gewählt werden.
4.3 Standort, Zeitzone und atmosphärische Refraktion
Eine standortbezogene Uhr hängt wesentlich von korrekten Koordinaten ab. Deshalb wurde die Ortung schrittweise ausgebaut:
- automatische Standortbestimmung,
- einmalige Standortübernahme,
- manuelle Koordinateneingabe,
- Ortsnamensuche,
- manuelle Zeitzonenwahl,
- Berücksichtigung der Höhe über dem Meeresspiegel,
- Temperaturangabe für die Lichtbrechung.
Im Juli 2025 wurde die atmosphärische Refraktion aktiviert. Nahe dem Horizont erscheint die Sonne durch die Erdatmosphäre höher, als sie geometrisch steht. Dieser Effekt verändert den sichtbaren Zeitpunkt von Aufgang und Untergang. Die Uhr berücksichtigte nun nicht mehr nur die ideale Himmelsmechanik, sondern auch die optische Wirkung der Atmosphäre.
Später wurde die verwendete Temperatur aus Standort, Höhe und Jahreszeit geschätzt und schließlich, bei aktivierter Wetterfunktion, aus der vorhergesagten Temperatur um den Sonnenaufgang abgeleitet. Damit wurde eine zunächst feste Näherung in ein standort- und tagesabhängiges Modell überführt.
4.4 Agnihotra, Zoom und lokale Daten
Ebenfalls im Juli 2025 wurde die Anzeige von Agnihotra-Zeiten integriert. Die Anwendung konnte nun die genauen Nulldurchgänge der Sonne am Horizont anzeigen, Markierungen auf dem Ziffernblatt setzen und einen Countdown darstellen.
Gleichzeitig wurde das Ziffernblatt zoombar. Damit konnte die Anwendung sowohl als vollständige Übersicht als auch zur genaueren Betrachtung einzelner Himmelsbereiche dienen. Eine zusätzliche Datenseite faßte lokale Sonnen-, Mond- und Planetendaten zusammen.
Diese Entwicklung zeigt einen wiederkehrenden Grundsatz des Projektes: Neue Funktionen werden möglichst in dasselbe visuelle und astronomische System eingebunden. Agnihotra ist nicht lediglich ein Textwert in einer Liste, sondern erscheint an der entsprechenden Stelle des Sonnenlaufes. Die Datenansicht ergänzt das Ziffernblatt, ersetzt es aber nicht.
5. Konsolidierung und Ausbau im zweiten Halbjahr 2025
5.1 Stabilität auf unterschiedlichen Android-Geräten
Zwischen August und Oktober 2025 bestand ein großer Teil der Arbeit aus Gerätekompatibilität und Fehlerkorrekturen. Dazu gehörten Probleme mit:
- verschiedenen Android-Versionen,
- Systemleisten unter Android 15,
- GrapheneOS,
- alternativen App-Stores,
- Bildschirmrändern und Displayausschnitten,
- Schriftgrößen und Zeilenabständen,
- Vollbildmodus und automatischer Zentrierung,
- Standortdiensten einzelner Geräte,
- Zeit- und Zeitzonenwechseln.
Diese Arbeiten sind weniger sichtbar als eine neue astronomische Funktion, aber für eine dauerhaft laufende Wanduhr entscheidend. Ein Programm, das als lebende Uhr an der Wand hängt, muß über Wochen und Monate stabil bleiben, nach dem Aufwachen korrekt weiterlaufen und sich an Änderungen der Zeitzone oder der Displaygeometrie anpassen.
In dieser Phase entstand auch die Meldung über verfügbare Aktualisierungen für Geräte, die rund um die Uhr laufen. Die Uhr wurde dadurch zunehmend als langfristig betriebenes System behandelt und nicht nur als gelegentlich geöffnete App.
5.2 Temporalstunden und Nachtwachen
Im Herbst 2025 kamen ungleiche oder temporale Stunden hinzu. Dabei werden Tag und Nacht nicht in gleich lange Einheiten geteilt. Der helle Tag wird in zwölf Tagesstunden gegliedert; die Länge einer solchen Stunde verändert sich mit der Jahreszeit. Entsprechend können Nachtstunden oder Nachtwachen angezeigt werden.
Diese Funktion erweitert das Projekt um eine historische Zeitordnung. Sie ersetzt die gesetzliche Uhrzeit nicht, sondern erscheint als zusätzliche Lesart. Der Benutzer kann gleichzeitig erkennen:
- wie spät es nach offizieller Uhr ist,
- wo die Sonne am Himmel steht,
- in welcher temporalen Stunde des Tages oder der Nacht er sich befindet.
Die Zählweise wurde nach historischer Prüfung noch einmal überarbeitet. Die Entwicklung zeigt hier, daß nicht nur technische Korrektheit, sondern auch begriffliche und historische Konsistenz berücksichtigt wurde.
5.3 Lichtjahreszeiten und Mondnachtkalender
Im Dezember 2025 erhielt die Uhr acht Lichtjahreszeiten. Sie teilen das Jahr nach der Zu- und Abnahme des Lichtes in vier Haupt- und vier Zwischenphasen. Hinzu kamen Sonnenwenden, Tagundnachtgleichen und ein eigener Mondnachtkalender.
Der Mondnachtkalender behandelt die Nacht ähnlich wie ein Datum. Er ordnet die Nächte innerhalb der Mondmonate und des Lichtjahres. Damit wird der Mond nicht nur als beleuchtete Scheibe dargestellt, sondern in einen fortlaufenden Kalenderzusammenhang eingeordnet.
Diese Funktionen erweiterten die Uhr von einer Tagesdarstellung zu einem Jahresinstrument. Der Benutzer sieht nicht nur, wo er sich innerhalb des heutigen Tages befindet, sondern auch innerhalb des Lichtjahres und des Mondzyklus.
Im Februar 2026 wurde die Berechnung der Lichtjahreszeiten weiter präzisiert. Statt einfacher zeitlicher Mittelpunkte zwischen astronomischen Fixpunkten wurde die scheinbare ekliptikale Länge der Sonne verwendet. Dadurch wurde die Phasenentwicklung physikalisch gleichmäßiger und enger an die tatsächliche Sonnenbewegung gebunden.
6. Technische Reifung im Jahr 2026
6.1 Wechsel auf JPL DE440s
Im Januar 2026 wechselte die Android-Anwendung von der älteren Ephemeride DE421 auf DE440s. Die neuere Datengrundlage enthält aktuellere Beobachtungsdaten, verbesserte Massenmodelle und verfeinerte Berechnungen der Dynamik im Sonnensystem.
Dieser Wechsel war kein bloßes Versionsupdate. Die Ephemeriden bilden den astronomischen Unterbau der Anwendung. Sonne, Mond und Planeten werden nicht durch einfache Tabellen oder grobe Näherungsformeln positioniert, sondern aus hochwertigen Himmelsmechanikdaten berechnet.
Damit unterscheidet sich die Android-Fassung deutlich von vielen dekorativen Sonnen- oder Astronomieanzeigen. Ihre Genauigkeit liegt im Bereich astronomischer Almanache und reicht, abhängig von Zeitquelle und Standortdaten, bis weit unter eine Sekunde.
6.2 Wetter als ruhige Zusatzinformation
Im Februar 2026 wurde eine optionale Wetterübersicht eingeführt. Sie besteht aus mehreren Ebenen:
- einer kompakten Anzeige auf dem Ziffernblatt,
- einem detaillierten Verlauf in Drei-Stunden-Blöcken,
- einer Drei-Tage-Vorschau,
- einem aufrufbaren Regenradar,
- automatischer Auswahl geeigneter Wettermodelle.
Die Wetterdarstellung wurde bewußt zurückhaltend angelegt. Sie soll nicht jede kleine Wahrscheinlichkeit dramatisieren, sondern den Charakter des Tages zusammenfassen: sonnig, regnerisch, trocken, windig, stürmisch oder unauffällig.
Gleichzeitig wurden die Wetterdaten funktional genutzt. Die Temperatur um den Sonnenaufgang fließt in die Berechnung der atmosphärischen Refraktion ein. Das Wetter ist damit nicht vollständig vom astronomischen Kern getrennt, sondern verbessert dessen Darstellung leicht.
Die technische Umsetzung erforderte umfangreiche Arbeiten an Hintergrundabrufen, Datenpuffern, Fehlerbehandlung, Offline-Verhalten, unterschiedlichen Wetteranbietern und der zeitlichen Zuordnung von Stundenwerten. Mehrere Folgeversionen dienten vor allem dazu, die Wetterfunktion so einzubinden, daß sie den Aufbau des Ziffernblattes nicht verlangsamt.
6.3 Vektorisierung und Leistungssteigerung
Version 2.69.1 brachte eine größere interne Optimierung. Sonnen- und Mondpositionen wurden nicht mehr einzeln in vielen kleinen Skyfield-Aufrufen berechnet, sondern gebündelt und vektorisiert. Dadurch beschleunigte sich die Berechnung des Ziffernblattes in wichtigen Bereichen um den Faktor drei bis fünf.
Weitere Maßnahmen waren:
- Zwischenspeicherung von Bildern,
- Kompression von Wetter- und Zeitdaten,
- spätere Ausführung nicht dringender Berechnungen,
- Trennung von sichtbarem Erstaufbau und Hintergrundarbeiten,
- Speichern des bereits gerenderten Hintergrundes im Arbeitsspeicher,
- Vermeidung unnötiger Neuberechnungen bei kleinen Standortänderungen,
- gezielter Einsatz eines vereinfachten Entwurfsmodus auf langsamen Geräten.
Diese Arbeiten zeigen einen Übergang vom funktionsreichen Programm zu einem wartbaren, abgestuften Rechensystem. Die Anwendung muß zahlreiche astronomische Kurven und Objekte darstellen, soll aber auch auf älteren Wandtabletts flüssig starten.
7. Zeitsteuerung und Meteorströme
Version 2.70 vom März 2026 führte die Zeitsteuerung ein. Der Benutzer kann das Ziffernblatt in die Vergangenheit oder Zukunft verschieben. Die Schrittweite reicht von Minuten bis zu Jahren. Ein Tippen an den seitlichen Bildschirmrand versetzt die Uhr um eine Stunde, während Wischbewegungen größere Zeiträume abdecken.
Damit wurde aus der laufenden Uhr auch ein Instrument zur Himmelserkundung. Man kann etwa:
- den Sonnenlauf eines anderen Tages betrachten,
- den Himmel zur eigenen Geburt aufrufen,
- jahreszeitliche Unterschiede vergleichen,
- Mond- und Planetenstellungen verfolgen,
- historische oder zukünftige Konstellationen untersuchen.
Für Zeiträume außerhalb der standardmäßig mitgelieferten Ephemeride können zusätzliche Daten heruntergeladen werden.
Gleichzeitig kamen die wichtigsten Meteorströme hinzu. Das Ziffernblatt zeigt ihre Radianten und ungefähren Suchbereiche zu den jährlichen Aktivitätszeiten. Später wurde die Zahl auf acht bedeutende Ströme erweitert:
- Lyriden,
- Eta-Aquariiden,
- Südliche Delta-Aquariiden,
- Perseiden,
- Orioniden,
- Leoniden,
- Geminiden,
- Quadrantiden.
Die Suchflächen berücksichtigen Sichtbarkeit, Horizontlage, Blickrichtung und Dunkelheit. Dadurch wird das abstrakte Datum eines Meteorstromes in eine konkrete Beobachtungshilfe für den eigenen Standort übersetzt.
Mit Version 2.70 waren nach der eigenen Projektdefinition erstmals alle Kernfunktionen der ursprünglichen Raspberry-Pi-Uhr in der Android-Fassung enthalten.
8. Die Aufteilung in Haupt- und Legacy-Linie
Im Frühjahr 2026 erforderten Vorgaben des Play Stores den Wechsel auf eine technische Basis mit Unterstützung für 16-kB-Speicherseiten. Die neue Hauptlinie setzte deshalb Android 7 oder neuer und zunächst ARM64 voraus.
Anstatt ältere Geräte vollständig auszuschließen, wurde eine eigene Legacy-Linie für Android 5 und 6 sowie für Geräte mit armeabi-v7a geschaffen. Diese Fassung verwendet denselben Codebestand und dieselbe Versionierung, erscheint aber seltener und wird über ein separates GitHub-Verzeichnis verteilt.
Kurz darauf konnte armeabi-v7a auch in der Hauptlinie wiederhergestellt werden. Die getrennte Legacy-Linie blieb dennoch für ältere Android-Versionen notwendig.
Diese Entscheidung ist für das Projekt besonders relevant, weil ältere Tablets als dauerhaft betriebene Wanduhren weiterhin brauchbar sind. Ein Gerät, das für moderne Alltagsanwendungen zu alt geworden ist, kann als astronomische Uhr noch viele Jahre sinnvoll genutzt werden.
Die Aufteilung war deshalb nicht nur eine technische Notlösung. Sie entsprach dem tatsächlichen Einsatzzweck und verlängerte die Lebensdauer vorhandener Geräte.
9. Sonnenabhängige Wecker
Version 3.1 brachte Wecker für astronomische Ereignisse:
- Sonnenaufgang,
- Sonnenuntergang,
- Beginn der Nacht,
- Ende der Nacht,
- Agnihotra am Morgen,
- Agnihotra am Abend.
Die Alarme werden nicht auf eine feste Uhrzeit programmiert, sondern auf ein Sonnenereignis mit wählbarem zeitlichem Versatz. Da sich die Ereigniszeiten täglich ändern, werden die Wecker bewußt als einmalige Alarme behandelt und müssen für einen neuen Tag erneut gesetzt werden.
Auch hier folgt die Funktion dem Grundkonzept der Uhr. Der Wecker richtet sich nicht nur nach einer abstrakten Zahl, sondern nach einem realen Übergang am Himmel.
10. Graphischer Auf- und Untergang
Mit Version 3.2 wurde die Darstellung von Sonnen- und Mondaufgang grundlegend verbessert.
Sonne und Mond sind auf dem Bildschirm wesentlich größer gezeichnet, als sie im Verhältnis zur gesamten Himmelsprojektion sein müßten. Ohne Korrektur würde ihr Mittelpunkt den Horizont zwar astronomisch richtig kreuzen, das sichtbare Bild aber zu früh oder zu spät auf- beziehungsweise untergehen.
Die neue Funktion kompensiert diese vergrößerte Darstellung. Sonne und Mond berühren und überschreiten den Horizont nun entsprechend ihrer dargestellten Größe. Zeiger, Bahn und berechneter Mittelpunkt bleiben unverändert. Die Korrektur betrifft also die graphische Erscheinung, nicht die astronomischen Grunddaten.
Besonders beim Mond ist dies anspruchsvoll, weil seine scheinbare Größe variiert. Folgeversionen erhöhten die Aktualisierungsrate in der Nähe des Horizontes und paßten verschiedene Sonnenbilder in Größe und senkrechter Position an.
Diese Funktion ist ein gutes Beispiel für die Sorgfalt der Darstellung. Physikalische Berechnung und visuelle Wahrnehmung werden nicht miteinander verwechselt, sondern gezielt aufeinander abgestimmt.
11. Realistischere Sterne
Im Juli 2026 wurde die Sternendarstellung neu aufgebaut. Frühere Fassungen zeigten zehn helle Sterne eher symbolisch. Version 3.3 erhöhte die Zahl auf 22: die 21 hellsten Sterne des Nachthimmels sowie Polaris.
Im Teleskop-Design werden die Sterne nun anhand ihres B–V-Farbindexes eingefärbt. Dieser astronomische Farbindex beschreibt den Farbunterschied eines Sternes und steht in Zusammenhang mit seiner Oberflächentemperatur. Heiße Sterne erscheinen eher bläulich, kühlere eher gelblich bis rötlich.
Zusätzlich wird der helle Kern nach der scheinbaren Helligkeit skaliert. Unterschiede zwischen Tag- und Nachtgestaltung verhindern, daß dieselbe Darstellung auf jedem Hintergrund gleich behandelt wird.
Die Sterne sind damit nicht mehr bloße Positionsmarken. Farbe und Helligkeit tragen astronomische Information. Gleichzeitig bleiben die Buchstabenkennungen und relativen Höhenmarkierungen erhalten, so daß die Darstellung weiterhin lesbar und beobachtungspraktisch bleibt.
Die Erweiterung auf 22 Sterne verändert auch den Charakter des Ziffernblattes. Es zeigt nicht mehr nur einige wenige Orientierungspunkte, sondern vermittelt ein dichteres Bild des hellen Sternhimmels, ohne zu einer überladenen vollständigen Sternkarte zu werden.
Die Zahl ist dabei bewußt begrenzt. Gordons Sonnenuhr ist auch ein Lerninstrument: Die gezeigten Sterne sollen nicht als anonyme Punktmenge erscheinen, sondern im Laufe der Zeit wiedererkannt und mit Namen, Kürzel, Farbe, Helligkeit und Bahn verbunden werden können. Eine wesentlich größere Auswahl wäre zwar kartographisch vollständiger, würde diesen didaktischen Zweck jedoch schwächen. Mehr als einige wenige Dutzend Sterne lassen sich im alltäglichen Gebrauch kaum noch als einzelne, vertraute Himmelskörper erfassen. Die Auswahl der 21 hellsten Sterne sowie Polaris bildet deshalb einen bewußten Mittelweg zwischen astronomischer Orientierung, Wiedererkennbarkeit und visueller Ruhe.
12. Die Web- und PWA-Fassung
Parallel zur Android-Entwicklung entstand im Juni 2026 eine Browserfassung unter AstronomicalClock.eu.
Am 24. Juni funktionierte das erste Ziffernblatt. Innerhalb weniger Tage wurden Aufbau, Seiten und Gestaltung an die Android-Anwendung angenähert. Am 30. Juni erschien die erste veröffentlichte Fassung mit Zeitsteuerung und Informationsseiten.
In den folgenden Wochen kamen hinzu:
- Wetteranzeige,
- automatische Übersetzungen,
- stärkere Dateikompression,
- Leistungsverbesserungen,
- das ursprüngliche Graustufen-Design,
- die realistischere Sternendarstellung,
- zusätzliche Sterne,
- zahlreiche Korrekturen aus der Übertragung von Python nach JavaScript.
Die Webfassung ist jedoch nicht einfach die Android-Anwendung im Browser. Sie verfolgt eine andere technische Gewichtung. Statt Skyfield und JPL DE440 verwendet sie eine leichtere JavaScript-Astronomiebibliothek. Dadurch erreicht sie eine Genauigkeit im Minutenbereich statt der sehr hohen Genauigkeit der Android-Fassung, lädt aber schneller und benötigt weniger Speicher.
Der Quellumfang wurde von ungefähr 480 kB auf 220 kB verdichtet. Die Bilddateien schrumpften von etwa einem Megabyte auf rund 130 kB. Nicht notwendige globale Geometriezustände und Positionspuffer wurden wieder entfernt, um die Struktur zu vereinfachen.
Die Webfassung erfüllt damit mehrere Aufgaben:
- Zugang für iPhone und iPad,
- Nutzung auf Desktop-Rechnern,
- einfache Installation als PWA,
- geringerer Ressourcenverbrauch,
- schnelle Verfügbarkeit ohne App-Store,
- Ergänzung statt Ersatz der genaueren Android-Fassung.
Die beiden Linien folgen derselben Idee, sind aber bewußt unterschiedlich ausgelegt: höchste astronomische Genauigkeit und tiefe Geräteintegration auf Android; leichte, plattformübergreifende Verfügbarkeit im Browser.
13. Das Ziffernblatt als Informationsarchitektur
Die besondere Leistung des Projektes liegt nicht allein in der Menge seiner Berechnungen. Entscheidend ist, daß diese Informationen in einer gemeinsamen räumlichen Darstellung zusammengeführt werden.
13.1 Horizont und Blickrichtung
Die waagerechte Linie in der Bildschirmmitte ist der Horizont. Der Benutzer blickt gedanklich geradeaus, nicht von oben auf eine Karte. Links und rechts entsprechen Osten und Westen, abhängig von Halbkugel und gewählter Blickrichtung.
Der Bereich über dem Horizont zeigt den sichtbaren Himmel. Der Bereich darunter enthält Himmelsobjekte, die sich astronomisch zwar in der entsprechenden Richtung befinden, aber unter der Erdoberfläche liegen und deshalb nicht sichtbar sind.
Dämmerungsbereiche gliedern den Übergang zwischen Tag und Nacht. Dadurch wird nicht nur angezeigt, ob die Sonne untergegangen ist, sondern auch, wie weit die Dunkelheit fortgeschritten ist.
13.2 Sonnenbahn als Ziffernblatt
Die Sonnenbahn ist zugleich astronomische Kurve und Uhrenskala. Die Stundenmarken liegen an den Positionen, die die Sonne zur jeweiligen gesetzlichen Uhrzeit einnimmt.
Bei einer Umstellung auf Sommerzeit verschieben sich daher die Zahlen, nicht die Sonnenbahn. Genau dadurch wird die künstliche Zeitverschiebung sichtbar: Der Himmel bleibt gleich, die gesellschaftliche Beschriftung rückt um eine Stunde weiter.
Der einzige Zeiger endet an der Sonne. Er zeigt nicht nur eine Zeitmarke, sondern verbindet die Mitte der Uhr mit dem wirklichen Sonnenstand.
13.3 Mond, Planeten und Sterne
Der Mond besitzt eine eigene Bahn. Seine Phase, Größe, Neumond- und Vollmondnähe sowie seine Stellung zur Sonne werden sichtbar.
Die fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten erscheinen je nach Design als Bilder oder astronomische Symbole. Ihre Helligkeit wird zusätzlich in der Datenseite angegeben.
Die hellsten Sterne dienen als Orientierung im Himmel. Kleine Markierungen zeigen, ob ein Stern auf seiner täglichen Höhenbahn steigt oder sinkt und ob er vor oder hinter der gewählten Blickrichtung liegt.
Damit wird das Ziffernblatt zu einer vereinfachten, aber dynamischen Himmelsansicht. Es zeigt nur eine bewußte Auswahl von Objekten und bleibt dadurch auch als Uhr lesbar.
14. Mehr als eine Sonnenuhr
Die Bezeichnung „Sonnenuhr“ ist verständlich, aber technisch nur ein Teil der Wahrheit.
Gordons Sonnenuhr ist zugleich:
- eine Einzeigeruhr,
- eine astronomische Uhr,
- eine standortabhängige Sonnenlaufanzeige,
- eine Himmelskarte in Horizontprojektion,
- ein Kalender für Lichtphasen und Mondnächte,
- eine Darstellung temporaler Stunden,
- eine Beobachtungshilfe für Sterne und Meteorströme,
- eine Zeitreise durch vergangene und zukünftige Himmelsstände,
- eine digitale Wanduhr.
Die Anwendung vermeidet dabei eine verbreitete Verwechslung: Sie behauptet nicht, die offizielle Zeit durch „wahre Sonnenzeit“ zu ersetzen. Die gesetzliche Uhrzeit bleibt vollständig erhalten. Neu ist die Möglichkeit, ihre Lage innerhalb der natürlichen Geometrie abzulesen.
Gerade diese Doppelstruktur macht das System alltagstauglich. Eine reine Ortszeit-Uhr wäre für Termine und gesellschaftliche Abläufe unpraktisch. Eine gewöhnliche Uhr verschweigt dagegen die Beziehung zum wirklichen Tageslauf. Gordons Sonnenuhr zeigt beides zugleich.
15. Technische Würdigung
Aus technischer Sicht ist die Entwicklung bemerkenswert, weil mehrere schwierige Anforderungen gleichzeitig gelöst werden müssen.
15.1 Astronomische Genauigkeit
Die Android-Anwendung nutzt Skyfield und JPL-Ephemeriden. Sie berechnet nicht nur einzelne Auf- und Untergangszeiten, sondern vollständige Bahnen und zahlreiche Objekte für ein graphisches Modell.
Zusätzlich werden berücksichtigt:
- Standort und Zeitzone,
- Sommerzeit,
- Höhe über dem Meer,
- atmosphärische Refraktion,
- Temperatur,
- scheinbare Größe von Sonne und Mond,
- Mondrotation und Terminator,
- Blickrichtung und Halbkugel,
- Dämmerungsgrenzen,
- zeitabhängige Ephemeridenbereiche.
15.2 Laufzeit und Gerätevielfalt
Diese Berechnungen müssen auf sehr unterschiedlichen Geräten funktionieren: vom älteren Android-Wandtablett bis zum aktuellen Telefon. Deshalb wurden Vorschau- und Enddarstellung getrennt, Rechenwege vektorisiert, Bilder zwischengespeichert und Hintergrundarbeiten zeitlich verschoben.
Das Projekt enthält zudem eine erhebliche Menge an gerätespezifischer Stabilitätsarbeit. Systemleisten, Displayränder, Vollbildverhalten, Schriftgrößen, Ortungsdienste, App-Verzeichnisse und Android-Versionen unterscheiden sich stärker, als das fertige Ziffernblatt erkennen läßt.
15.3 Wartbarkeit statt bloßer Funktionsanhäufung
Der Änderungsverlauf zeigt wiederholt interne Vereinfachungen: Module werden getrennt, Zustände entfernt, Zwischenspeicher verkleinert, Dateistrukturen neu geordnet und überflüssige Abläufe beseitigt.
Besonders die Webfassung wurde nach ihrer schnellen Entstehung nicht nur erweitert, sondern bewußt wieder entschlackt. Unnötige Positionspuffer und globale Geometriezustände wurden entfernt. Das ist ein Zeichen dafür, daß nicht nur sichtbare Funktionen, sondern auch die langfristige Beherrschbarkeit des Systems berücksichtigt wird.
16. Gestalterische Würdigung
Die Uhr verbindet eine hohe Informationsdichte mit einer vergleichsweise ruhigen Grundform. Das gelingt vor allem durch die konsequente räumliche Ordnung.
Die Sonne ist nicht eines von vielen Symbolen, sondern Mittelpunkt der Zeitdarstellung. Der Horizont ist zugleich geographische Trennlinie und visuelle Achse. Bahnen, Stunden, Höhenlinien und Himmelsobjekte stehen nicht in getrennten Fenstern, sondern beziehen sich unmittelbar aufeinander.
Das Teleskop-Design macht die Himmelskörper anschaulich, während das Graustufen-Design die abstraktere und ruhigere Herkunft aus der E-Paper-Uhr bewahrt. Beide Gestaltungen interpretieren dasselbe astronomische Modell auf unterschiedliche Weise.
Die Uhr eignet sich dadurch sowohl als Informationsinstrument als auch als dauerhaft sichtbares Wandobjekt. Ihre Darstellung verändert sich langsam über den Tag und deutlich über das Jahr. Sie verlangt nicht ständig Aufmerksamkeit, belohnt aber längere Beobachtung.
Gerade für Kinder kann diese Form verständlicher sein als eine Folge isolierter Lehrbilder. Man sieht nicht nur, daß die Sonne „im Osten aufgeht“, sondern wie sich ihre Bahn, Höhe, Tageslänge und Aufgangsposition über Wochen und Monate verändern. Ebenso wird sichtbar, wie der Mond gegenüber der Sonne wandert und warum Vollmond und Neumond an bestimmten Stellen ihrer Bahnen auftreten.
17. Inhaltliche Würdigung
Das Projekt berührt eine grundsätzliche Frage moderner Zeitwahrnehmung. Unsere Uhren sind äußerst genau, aber ihre Anzeige ist weitgehend von Ort und Natur abgelöst. Jeder Tag sieht auf dem Ziffernblatt gleich aus, obwohl sich Licht, Sonnenhöhe und Tageslänge fortwährend verändern.
Gordons Sonnenuhr stellt diese Unterschiede wieder her. Sie macht Zeit nicht ungenauer, sondern reicher. Die offizielle Minute bleibt dieselbe, erhält aber einen sichtbaren Zusammenhang:
- Ist es schon hell oder noch dunkel?
- Steigt oder sinkt die Sonne?
- Wie weit ist der Tag fortgeschritten?
- Liegt der gesetzliche Mittag vor oder nach dem Sonnenhöchststand?
- Wie lang ist der heutige helle Tag?
- In welcher Lichtjahreszeit befinden wir uns?
- Wo stehen Mond, Planeten und helle Sterne?
- Welche Himmelsbereiche sind im Augenblick tatsächlich sichtbar?
Dadurch entsteht eine Form von Zeitdarstellung, die zugleich praktisch und kontemplativ ist. Sie kann für einen Termin abgelesen werden, lädt aber auch dazu ein, den Zusammenhang zwischen Uhrzeit und Himmel wahrzunehmen.
Die Uhr richtet sich damit nicht gegen technische Zeitmessung. Sie nutzt im Gegenteil hochpräzise Technik, um etwas sichtbar zu machen, das die gewöhnliche Technikoberfläche ausblendet.
18. Würdigung des Entwicklungsweges
Die Entwicklung von der mechanischen Uhr über zwei E-Paper-Systeme zur Android-Anwendung und schließlich zur Webfassung zeigt eine ungewöhnlich klare Kontinuität.
Die technische Form wurde mehrfach vollständig gewechselt:
- mechanisches Uhrwerk,
- kleiner Raspberry Pi mit E-Paper,
- große digitale E-Paper-Wanduhr,
- mobile Android-Anwendung,
- plattformübergreifende Browser- und PWA-Fassung.
Trotzdem blieb der zentrale Gedanke erhalten: Die Uhr soll den Tageslauf nicht in ein starres Schema pressen, sondern das Schema aus dem Tageslauf ableiten.
Ebenso bemerkenswert ist die Geschwindigkeit der öffentlichen Entwicklung seit Juni 2025. Innerhalb von ungefähr dreizehn Monaten kamen unter anderem hinzu:
- zehn vollständig unterstützte Sprachen,
- atmosphärische Refraktion,
- Agnihotra,
- Temporalstunden und Nachtwachen,
- Lichtjahreszeiten und Mondnachtkalender,
- GPS-Zeitsynchronisation,
- Wetterübersicht und Regenradar,
- erhebliche Leistungssteigerungen,
- Zeitsteuerung,
- Meteorströme,
- sonnenabhängige Wecker,
- graphischer Auf- und Untergang,
- realistische Sterne,
- eine eigenständige Webfassung.
Der Umfang darf jedoch nicht nur an dieser Liste gemessen werden. Hinter fast jeder sichtbaren Erweiterung stehen mehrere Folgeversionen, die Darstellung, Leistung und Fehlerfälle ordnen. Der detaillierte Änderungsverlauf dokumentiert keine geradlinige Erfolgsgeschichte, sondern reale Systementwicklung: neue Funktionen erzeugen neue Randfälle; Betriebssysteme ändern Anforderungen; ältere Geräte verhalten sich anders; Übersetzungen müssen nachgeführt werden; Rechenzeit und Speicherverbrauch müssen immer wieder neu bewertet werden.
Gerade diese sichtbare Entwicklungsgeschichte macht die Reife des heutigen Systems nachvollziehbar.
19. Gesamtwürdigung
Gordons Sonnenuhr ist eine eigenständige Form der Zeitvisualisierung.
Ihr Wert liegt nicht darin, daß sie eine herkömmliche Uhr mit astronomischen Verzierungen versieht. Ihr Wert liegt darin, daß sie Uhrzeit und Himmel strukturell miteinander verbindet. Die Stundenmarken sind Teil der Sonnenbahn. Der Sonnenzeiger ist zugleich Uhrzeiger und astronomischer Richtungsanzeiger. Der Horizont trennt nicht nur Flächen, sondern Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Mond, Planeten und Sterne stehen nicht dekorativ im Hintergrund, sondern in derselben räumlichen Logik.
Die Anwendung macht damit etwas sichtbar, das gewöhnliche Uhren systematisch verbergen: Gesetzliche Zeit ist ein gesellschaftliches Raster, das über die örtliche Sonnenzeit gelegt wird. Dieses Raster ist notwendig, aber nicht naturgegeben. Besonders die Sommerzeit zeigt dies deutlich, weil sich die gesamte Beschriftung des Tages verschiebt, während die Sonnenbahn unverändert bleibt.
Gordons Sonnenuhr löst diesen Widerspruch nicht durch Ablehnung der gesetzlichen Zeit. Sie macht ihn verständlich. Darin liegt ihre Stärke.
Das Projekt ist außerdem ein Beispiel dafür, wie ein sehr persönlicher Ausgangspunkt zu einem allgemein zugänglichen Werkzeug werden kann. Die Anwendung ist kostenlos, werbefrei und weitgehend offline nutzbar. Sie kann auf einem alten Tablet als Wanduhr laufen, auf einem modernen Telefon als astronomisches Instrument dienen oder im Browser auf nahezu jedem Gerät geöffnet werden.
In seiner heutigen Form ist das Projekt deshalb zugleich:
- eine praktische Uhr,
- eine langfristige astronomische Beobachtung,
- ein historisches Zeitinstrument,
- ein Lernmittel,
- ein gestaltetes Wandobjekt,
- und eine Kritik an der Vorstellung, daß Zeit nur eine Zahl auf einem unveränderlichen Ziffernblatt sei.
Die Entwicklung ist nicht abgeschlossen, obwohl der ursprüngliche Funktionsumfang der Hardware-Uhr inzwischen erreicht und überschritten wurde. Die jüngsten Änderungen an Sternen, Darstellung, Webfassung und interner Struktur zeigen, daß sich das Projekt von der reinen Funktionsvervollständigung zunehmend in Richtung Verfeinerung bewegt.
Die wichtigste Leistung bleibt jedoch dieselbe wie am Anfang: Eine Uhr zeigt wieder, was die Zeit am eigenen Ort tatsächlich bedeutet.
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